Friday, 11 December 2015

GEORGE SUN

George nahm das Ding in die Hand und sah es sich genauer an. „Was soll das nochmal sein?“, fragte er, und der Mann vor ihm nuschelte ein paar Laute, für dessen Übersetzung der Transduktor knapp drei Sekunden brauchte. Dann sagte der Apparat es wieder, „eine Blume“, und der Einheimische nickte, als hätte er es verstanden.

Es war keine Blume, das Ding war metallisch. Offensichtlich konnte der Transduktor die Sprache des Außerirdischen nicht richtig fassen. George setzte eine entsprechende Nachricht an die Dundee ab, die im Orbit kreiste und das Geschehen aus der Ferne verfolgte. „Es kann sein, dass alle auditiven Daten verfälscht sind“, gab er durch und erhielt vom Schiff die Order, dieses Ding sofort wieder aus der Hand zu legen. Seine Fingersensoren meldeten einen erhöhten Wert an Berkelium an der Haut.

Im selben Moment fand George sich in einer transparenten Kapsel im Weltall wieder. Über seinem Kopf und unter seinen Füßen funkelten die Sterne, vom Planeten und vom Schiff aber fehlte jede Spur. Im Spiegel des Glases sah er das Lämpchen des Transduktors blinken. Der Apparat schien an einer Übersetzung zu arbeiten und schaltete schließlich auf grün. Was folgte, waren lang anhaltende Töne mit leichten, aber bedeutsamen Irritationen, die sich immer wieder erneuerten. Und immer wieder schnitt es schreiend hinein. Erst waren es Instrumente, dann waren es menschliche Stimmen. Der Transduktor fand nichts Besseres unter seinen irdischen Dateien, um das zu übersetzen, was die Fremden von seinem Bediener verlangten. „Anthracite Fields“, Julia Wolfe 2014, war das, was George in seiner Kugel zu hören bekam. Kein artikulierter Satz hätte es genauer treffen können, die Maschine folgte ihrem Programm. Aber George verstand nichts von Neuer Musik von vor 250 Jahren.

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http://juliawolfemusic.com/music/anthracite-fields
Julia Wolfe hat mit "Anthracite Fields" 2015 den Pulitzer Preis in Music verliehen bekommen. George Sun wusste nicht einmal, dass es auch für Musik einen Pulitzer Preis gab. Es ist ein Irrglaube, dass es im Weltraum nur Techniker braucht. 

Friday, 27 November 2015

EMILY ANDERSON

Bohnen, Emily hatte ein paar Dosen Bohnen gefunden, sie konnte es kaum glauben. Dunkle Schokolade und Marmelade, "Autumn Harvest". Was für ein Luxus. Die Mindesthaltbarkeit der Hersheys war erst seit zwei Jahren abgelaufen, produziert kurz vor dem Zusammenbruch. Gott verdammt, sie war in einem Haus, das noch nicht geplündert war. Emily überkam die Freude so heftig, dass die sich fast wie eine Krankheit anfühlte. Aber sie hatte gelernt, ruhig zu bleiben gegenüber all denen, die sie jetzt vielleicht hören konnten.

Außerdem musste sie in Erwägung ziehen, dass die Kidneys, die Schokolade, die Cherry Republic und die Packung Detroit Bold (sie hatte Kaffee gefunden!) erst seit kurzem hier lagerten. Beute von jemand anderes vielleicht. Und dabei ging es ihr sicher nicht darum, dass sie es ihm wegnehmen musste. Es ging darum, dass derjenige jeden Augenblick in der Tür stehen und das alles hier bis aufs Blut verteidigten konnte. Sie war so müde.

Sie packte die Sachen ein und sah sich noch nach einer Karte um. Seit einigen Tagen irrte sie ohne Orientierung umher. In dieser ganzen Zeit hatte sie nur einen einzigen Menschen getroffen, einen Mann, den sie am Ende hatte erschießen müssen. Mit einem Michigan-Reiseführer in der Tasche und ihrem Gewehr in der Hand verließ sie schließlich das Haus, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie oben, am Ende der Straße, eine kleine Gruppe von vermummten Leuten mit Macheten hinter einem ausgebrannten Bungalow verschwand. Sie hatten sie noch nicht gesehen.

Friday, 20 November 2015

RAHI el-SAWI

Die saudischen Kampfjets kamen zu spät. Nachdem die Schergen des Islamischen Staates Mekka erobert hatten, stellten sie zwei kleine Camcorder auf und filmten sich dabei, wie sie mit einem Vorschlaghammer auf die Kaaba eindroschen. Die Wahhabiten schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, eine Geste, die in Windeseile um die ganze Welt ging. In Europa und sogar in den USA fanden sich Tausende Menschen in dieser Haltung auf Demonstrationen gegen Gewalt ein. Es war ein Symbol dafür, dass der Terror durch den Islamischen Staat nichts mit dem Islam zu tun habe.

Der IS schickte seinem Eroberungsfeldzug eine Warnung voraus, der der saudische König nur mediale Drohgebärden folgen ließ. Jetzt blieb es Sache islamischer Gelehrter, durch die Fernseher im Land zu sprechen und zu erklären, dass die Hadsch und das Berühren der Kaaba sehr wohl heilig und im Sinne des Propheten seien. Sie mussten das aufgebrachte Volk beruhigen. Mehr passierte nicht vorerst, der IS war schließlich nicht shiitisch. Die Terrormiliz hatte das Anbeten eines Steines als Gotteslästerung bezeichnet, auf die als Strafe nur der Tod folgen könne, ihn zerstört, und das war's.

„So ein Unsinn“, sagte die Lehrerin zu Rahi und hielt ihr stoisch das Kopftuch hin. Die Ausrede mit der Polyester-Allergie hatte nicht geholfen. Dafür hatte sich der Gesichtsausdruck der Lehrerin verändert, die jetzt noch viel hässlicher als sonst Mohammeds Gesetze zitierte. Das Gesicht einer Frau, die innerhalb der Mauern alles bestimmte, sich außerhalb aber hinter billigem Stoff versteckte, hinter Stoff, der an so vielem Schuld sei, wie Rahi brüllte. „Ihr könnt den IS vielleicht besiegen, aber das da macht es, dass es immer wieder einen neuen geben wird. Und daran wird sich nie etwas ändern!“

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"Rahi" bedeutet Frühling.

Thursday, 12 November 2015

BORIS ALJENKO

Nadjinka rieb sich ihre Füße unter der Wolldecke warm. „Chinesen schmatzen, wenn sie essen“, sagte sie, ohne es jemals selbst erlebt zu haben. Sie hatte Russland noch nie verlassen und noch nie einen Chinesen gesehen, bevor sich in Surgut ihre Kabinentür geöffnet hatte und zwei Geschäftsmänner aus der Mandschurei hereinkamen, dampfendheiße Nudelsuppe in den Schüsseln. Boris Aljenko leckte hinter seinen geschlossenen Lippen über die Schneidezähne und sah in die tief verschneite Taiga hinaus, in die sich der Zug langsam vortastete. „Nadjinka, Nadjinka“, dachte er, aber die Chinesen schienen offenbar nichts verstanden zu haben.

Sie saßen nur da, die Schüsseln auf ihrem Schoß, und nahmen von Boris und seiner Frau keine Notiz. Nach einer Weile sagte der eine etwas, so dass der andere laut auflachen musste. Da hatten sie gerade die letzten Häuser passiert, vor deren Türen die Fußspuren im Schnee noch nach Surgut wiesen. Sie waren noch soweit von Nadym entfernt wie der Sommer von diesem Ort, und Boris teilte mit Nadjinka zunehmend den Missmut, über einen halben Tag hinweg mit diesen beiden fremden Gestalten ihr kleines Abteil teilen zu müssen. So sah es doch nun aus, oder etwa nicht, „Sie fahren doch nach Nadym?“, fragte Boris den Chinesen ihm schräg gegenüber. Der aber reagierte nicht.

„Fahren Sie nicht nach Nadym?“, fragte Boris ihn erneut. Auch Nadjinka sah sich jetzt nach ihnen um, und diesmal schauten die Chinesen auf. Aber dann stand plötzlich der Schaffner in der Kabinentür. Seine Fingerknöchel drückten sich weiß aus seiner Hand, mit der er die Rolltür in ihrer Position hielt. „Es tut mir leid, wenn ich Ihnen das sagen muss, aber wir werden nicht viel weiter als Kogalym fahren können.“ Der Schnee habe weiter im Norden die Gleise verschluckt. Da gäbe es kein hin und zurück. Kogalym also. Eine Woche, bis der Zug es erneut versucht. Und die Chinesen? „Nadym, Nadym“, sie grinsten Boris an und zeigten auf sich selbst.

Thursday, 22 October 2015

FRANCINE BEAUMONT

Es war schon der dritte Termin in dieser Woche, den sich Francine Beaumont bei Doktor Muller hat geben lassen, mal wieder ohne der Sprechstundenhilfe am Telefon anzudeuten, worum es ihr denn ginge. Aber das würde doch dabei helfen, schon eventuell wichtige Vorkehrungen zu treffen. Nein, Francine wollte sich um ihre Vorkehrungen zuhause schon selbst kümmern. Das verriet sie aber natürlich nicht.

Als der Doktor auf die nächste Karteikarte sah und Miss Beaumonts Namen überrascht vor sich hinplapperte anstatt ihn auszurufen, überquerte Francine schon die Schwelle zu seinem Behandlungszimmer. „Herr Doktor, ich fühle mich nicht gut“, sagte sie und stieg von den hohen Absätzen herunter, um sich aus ihrem engen Kleid zu befreien. Davon sollte Doktor Muller beim Abendessen seiner Frau erzählen, nachdem die Kinder noch einmal zur Eisenbahn in den Keller verschwunden waren. Und – ohne Francine Beaumonts üppigen, gesunden (!), schwarzen Busen zu erwähnen, der stets aus wohl duftender, hübsch arrangierter Spitze zu hüpfen pflegte.

Misses Muller, so weiß wie ihr Mann nach einem der langen Michigan-Winter, hörte ganz genau zu, auch wenn sie so tat, als wäre sie taub. Am nächsten Tag fuhr sie nach Downtown zu der Adresse, die ihr Jeannie vom Praxisempfang aus den Karteikarten herausgesucht hatte. Zum Glück hatte Francine an diesem Morgen keinen Arzttermin und öffnete die Tür. Es war der einzige Moment in ihrem Leben, an dem beide genau das Gleiche dachten: „Oh mein Gott, wie sieht die denn aus?“

Monday, 19 October 2015

JEAN GIROLLE

Catherine kam mit schwarzen Fäden an den Fingern ins Wohnzimmer zurück und streifte sie in die Holzkiste ab. „Hast Du schon mal in die Ecken gesehen?“ Sie drehte ihren Kopf zu Albert, aber der war im Sessel eingeschlafen. Das hatte Jean noch gar nicht bemerkt. Es hatte nichts zu heißen, wenn sie eine Weile zu zweit in einem Raum saßen und nichts miteinander redeten.

Mit Margot, Catherines Mutter, war das anders. Es gab etwas, nach dem man, wenn man es kennt, unwillkürlich alles neu deuten muss. Den Gesichtsausdruck, mit dem Margot Jean empfing, als er aus dem Haus kam, um ihr von den Spinnweben zu erzählen. Wie sie die Beeren vom Strauch zupfte, und sagte, sie müsse das genau so tun, wie sie es tat. „Sonst wird er böse!“. Oder wie sie die Beeren zerdrückte. 

Nachdem eine Weile vergangen war, ohne dass Jean wiederkehrte, rief Catherine seinen Namen.  Aber sie bekam keine Antwort. Dafür kam Margot mit rot verschmierten Händen durch die Verandatür und strahlte ihrer einzigen Tochter entgegen. „Mein kleines Mädchen. Hast Du schon von den Mirabellenplätzchen gekostet?“ Sie zeigte auf den Tisch. Catherine sah sie irritiert an. „Welche Mirabellenplätzchen? Wo sind denn hier Mirabellenplätzchen?“, fragte sie und sah sich um. Aber da war nichts. Und trotzdem schlief sie sofort ein, kaum dass sie und Jean im Gästebett lagen. Jean dagegen blieb noch lange wach. Auch wenn er die Tür zu ihrem Zimmer abgeschlossen hatte, bekam er es nach diesem Tag doch mit der Angst zu tun. Von draußen hörte er den Beerenstrauch rascheln, und unten im Flur schien jemand zu sein.

Tuesday, 29 September 2015

SUSANA PIRES MONREAL

Am 24. Mai 2008 ist im Umland von Ciudad de Juarez, in der Wüste von Chihuahua, etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Aktivistinnen, die mit Stöcken nach Gräbern im knochentrockenen Boden stocherten, stießen auf dem Campo Algodonero auf Susana Pires Monreal, die in ihrem weißen Kittel da stand, als würde sie auf den Bus zur Maquiladora warten. Die Gruppe musste sich jetzt erst einmal sammeln: Susana Pires Monreal war seit fast genau vier Jahren spurlos verschwunden.

Das Ereignis versetzte das Personal der neuen Sonderstaatsanwaltschaft für Gewalt gegen Frauen in Ciudad Juarez in helle Aufregung. Die Helferinnen in der Casa Amiga schlossen auf Anweisung die Läden an den Fenstern und schalteten die Lampen an, die Susanas Schatten auf die Madonna am Eingang warfen, als sie sie hereinführten. Niemand sollte von ihrer Rückkehr erfahren, auch nicht die Polizei. Aber das stellte sich gleich schon am nächsten Tag als unmöglich heraus, als Mira Fuentes quasi an gleicher Stelle auftauchte. Ganz plötzlich, so wie Susana. Mira war bereits seit sechseinhalb Jahren verschwunden gewesen.

Und so kamen immer mehr Frauen zurück, die man als Opfer des Feminicidio geglaubt hatte. Am Ende waren es acht. Sie waren einfach plötzlich wieder da. Nur woher sie kamen, war ein Rätsel. Sie redeten nicht darüber, und wenn Aktivistinnen oder andere versuchten, ihre Rückkehr zu beobachten, blieb die nächste aus. Susana Pires Monreal war wunderschön. Und sie war die erste, die von den Zurückgekehrten ein zweites Mal verschwand.

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Diese Geschichte ist natürlich erfunden. Aber sie gibt die Hilflosigkeit derer wieder, die gegen den Feminicidio kämpfen. Auch die neue Sonderstaatsanwaltschaft für Gewalt gegen Frauen und das Frauenhaus Casa Amiga, das oft wütende Männer anlockt, können das Verschwinden hunderter junger Frauen nicht verhindern. Notrufe nutzen nichts, die Polizei bleibt meist aus. Ohnehin ist es ein offenes Geheimnis, dass wenigstens einzelne Polizisten, vielleicht sogar Politiker mit den Drogenkartellen gemeinsame Sache machen. Und so werden Frauen zu Hause geschlagen, entführt, vergewaltigt, ermordet, verscharrt, manche von ihnen enthauptet und verstümmelt.

Der Name Monreal steht in Erinnerung an Esmeralda Herrera Monreal, eines der berühmtesten Opfer. Sie ist am 29. Oktober 2001 mit 15 Jahren verschwunden und am 7. November ermordet im Campo Algodonero, einem Baumwollfeld, aufgefunden worden. Wenig später kamen hier sieben weitere ermordete Frauen hinzu. Und das in Juarez, wo Jahre zuvor vor allem Frauen in den Maquiladoras angestellt wurden. Sie galten als zuverlässiger als die betrunkenen und gewaltbereiten Männer. Juarez galt damals als Vorbild, hatten damit doch auch schlechter ausgebildete Frauen die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten.

Tuesday, 15 September 2015

BESSE BONE

Ist es nicht eigenartig, dass der fette Jim sich jahrelang vor der Polizei verstecken konnte, aber Besse Bone es mit einem einzigen Spaziergang gelang, einem Spaziergang, den selbst Grandpa Pete geschaffte hätte, die wirklich schäbige Bretterbude im Wald irgendwo in Virginia zu finden, ich sag jetzt nicht wo, in der die Destille klapperte, als wäre sie der Zinnmann aus dem Wizard von Oz? Ist es nicht eigenartig? Der Redneck verstand die Welt nicht mehr, als sie plötzlich in der Tür stand und eine Winnie auf ihn richtete, dieses zarte Geschöpf.

Für Besse spielte es keine Rolle, winselt der Scheißkerl um Gnade und bleibt dann am Leben oder macht er auf stur und dann ab in den Sarg. Sie bekam den Abzug nicht zu sich gezogen, das war der einzige Grund, warum es noch nicht knallte. Jim schnappte sich eine Pfanne und schlug sie gegen den Lauf. Wumm, der Schuss ging schnurstracks durch das Dach und jagte draußen irgendwelchen Tieren einen mächtigen Schrecken ein. Aber Besse fing sich und schoss nochmal. Diesmal traf sie den Fettsack genau in die Stirn.

Erst jetzt roch sie, wie ekelhaft es hier in der Hütte stank, genauso wie damals und vor allem aber, nach was wohl, nach Moonshine natürlich. Besse hatte noch große Lust, dem Kerl mit dem Lauf den Schädel einzuschlagen, aber sie riss sich zusammen und hockte sich vor die Einmachgläser, in denen der Schnaps so klar lagerte, als wäre er nur Luft. Aber er hatte das Leuchten einer Reise mit der Zunge am Steuer eines T-Models. Besse wickelte ein Tuch um ein Glas und steckte es ein. Sie wäre gerne fort. Sie weiß auch schon wo. Und nur ihre Schwester würde sie finden.

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"Moonshine", so haben Amerikaner ihren illegal gebrannten Schnaps genannt. Er stammte vor allem während der Prohibition in den Zwanziger Jahren aus illegalen Bretterbuden in Virginia und in den Wäldern anderer Bundesstaaten, in denen Rednecks und andere Typen zusammengezimmerte Destillen laufen ließen - oft auch unter den Augen der Polizei, wenn diese denn auf die richtige Seite gezogen war.

Monday, 10 August 2015

VIRGINIA DYER

Mit einem Knall landete das Glas auf dem Boden. Virginia Dyer klingelte gleich nach Miss Cumbercastle, beim zweiten Mal schon wesentlicher entschiedener, aber die Gute rührte sich nicht. „Sie ist manchmal ein wenig stoisch.“ Die Gentlemen von der Westküste sahen sie an, als säßen sie in irgendeinem Theaterstück. „Wenn Sie erlauben“, sagte einer, da war aber wohl nicht viel dahinter. Virginia klingelte noch einmal, dann schleuderte sie das Glöckchen entrüstet vor die Katze, die erschrocken aufsprang und aus dem Zimmer rannte. „Es soll jetzt Zeppeline geben, die es bis über den Atlantik schaffen!“, war ihr nächster Kommentar. Man könnte sich fragen, wer gerade mehr geboten bekam: die Ehefrauen, die sich die Zeit am Broadway vertrieben, oder doch eher die Gentlemen.

Unter denen, die den weiten Weg von LA nach Manhattan zurückgelegt hatten, gab es einen, der bei dem Wort „Zeppeline“ hellhörig wurde: Alfred Bust, ein lebender Beweis dafür, dass sie in Kalifornien selbst stockkonservative Männer gewähren lassen. Kaum hatte Virginia ihren Satz ausgeplaudert, zückte er einen Stapel Unterlagen hervor und legte ihn auf den Tisch. Das war schon in Ordnung so, die Herren waren schließlich der Ideen wegen hier, die junge Lady wollte investieren.

Virginia gab Bust Zeit, die zerfledderten Blätter in die Reihe zu kriegen. Aber sie konnte es schon riechen: Da vor ihr raschelte ein Bombengeschäft! Sie rutschte auf ihrem Stuhl ein Stück nach vorne, um die kleine Skizze links unten besser erkennen zu können. Dabei zog sie mit ihren Mary Janes ein paar der Scherben knirschend über das Parkett. Ach ja, die Scherben. Die mussten jetzt endlich weg, dachte sie sich und sank auf die Knie, um wenigstens die größten aus dem Weg zu sammeln. Die Gentlemen zogen prompt die Füße ein. Aber Bust blieb sich treu. Er schob mit der Schuhspitze ein ausgebüxtes Stück Glas zu ihr hin. Genau unter ihr Gesicht. Sofort stand Virginia auf und langte ihm eine. „Sie sind der letzte Dreck!“, schimpfte sie, und das konnte Miss Cumbercastle offenbar hören. Mit einem Mal stand sie in der Tür. „Schaffen sie diese Leute hier raus!“, und Miss Cumbercastle tat, was die Lady von ihr verlangte. Wie immer und ausnahmslos.

Sunday, 2 August 2015

SHANE BISHOP

Shane ließ Claire noch schnell die abrasierten Haare aus seinem Nacken fegen, dann marschierte er los, raus aus dem Haus und die Lane hoch, von wo aus er Sheffield auf den Scheitel gucken konnte und Fish und Chips wie Lachssouffle auf französischem Baguette duftete. Claire kam noch ein paar Kreuzungen mit, sie wollte sehen, ob er sie auch nicht veräppelt hatte. Aber schließlich drückte sie ihm einen Abschiedskuss auf die Wange. Es nieselte, das Licht wurde schwächer und die Autoscheinwerfer begannen, sich auf der nassen Straße zu spiegeln. Sie war für acht mit Sue und Steph verabredet und wollte los.

Im Haus der Kensingtons bellte schon der Hund. Misses Kensington öffnete. „Hunde waren aber nicht abgemacht, Ma’am!“ „Iren auch nicht!“ Die Lady strich mit der flachen Hand tastend über seinen runden Schädel mit den roten zwei Millimetern darauf und musterte ihn. Tolle Frau, dachte sich Shane, kleiner als er, und sie hatte keinen Schiss, mit Skins Geschäfte zu machen. Immerhin ging’s um ihre Tochter. Und zu all seinem Glück konnte er von irgendwoher sogar Bronski Beat hören. Hinten im Flur sah er, wie Mister Kensington sich an einem Windsor fast das Leben nahm.

Die 20 Pfund durfte Shane sich aber erst nur ansehen. Misses Kensington bestand darauf, die Scheine in einem schneeweißen Kuvert zu verschließen und in ihre kleine Handtasche zu stecken wie sich selbst in dieses Etuikleid mit Ringelmuster. Ein konspiratives Versprechen für ihre Rückkehr, „wenn meine kleine Lucy noch leben sollte“. Dann zeigte sie ihm den Kühlschrank mit Sandwiches und einer kleinen Flasche Lager, extra für ihn, das Wohnzimmer mit der Anlage und einer Bahn aufrechtstehender, sich aneinanderschmiegender Platten von Blondie bis Percy Sledge, und rief schließlich Lucy zu ihnen herein, die Shane zur Begrüßung ein zartes Küsschen auf die Wange gab. Hörte er da etwa die Engel singen? Claire hatte ihn ausgelacht, als er ihr von seinem Babysitter-Zettel im Sainsbury’s erzählt hatte. Von draußen hupte Mister Kensington nach seiner Frau, aber Ford Sierras können keinen Schlussakkord. Der Rest ist Geschichte.

Wednesday, 15 July 2015

AMIRA MORALES

Seit sie die Halle verlassen hatten, schimpfte Louisa. Sie schimpfte und schimpfte. Sie hatte einen Messebesucher dabei erwischt, wie er mit seinem Handy versuchte, ihr unter den Rock zu filmen, und nicht nur das. Aber diesmal rauschten die Tiraden an Amira vorbei, auch wenn sie sich sicher war, dass einige dieser untersetzten Autonarren, die so untrennbar um sie herum gekreist waren wie Mimas und Titan um Saturn, bei dem Neigungswinkel ihrer iPhones bestimmt keine Whats-App-Nachrichten am Tippen waren.

Louisa schimpfte, um sich zu entspannen, etwas, das Amira in dem heißen Zug gerade überhaupt nicht gelang. Sie hatte den ganzen Tag auf zehn Zentimetern gestanden, und das in krachneuen Pumps, die sich auch jetzt nicht mit der Fingerspitze zwischen Leder und Fuß zu mehr Gnade zwingen ließen. Ihre Befreiungsversuche brachten nur den Mann ihr gegenüber dazu, sich immer wieder neue Alibibewegungen auszudenken, um einen Blick darauf zu erhaschen. Was musste das für eine Qual für ihn sein. Er sah aus, als hätte er Ticks. Amira gönnte sich den Spaß und zog einen Schuh aus, klimperte mit den Zehen, als spielte sie Bach, dehnte den Spann mal nach oben, dann nach unten, massierte mit einer Hand die Sohle ihres wirklich hübschen Fußes und schlüpfte wieder hinein; nur wenige Zentimeter von seinem Bürohosenbein entfernt. „Ist das da Blut vom Teufel? Dein Nagellack? Hast du den aus der Hölle? Dios mio, ist der dunkel. Süße, der macht so… rrrrrrh“, konstatierte Louisa, während der Zug in den Bahnhof von San Pedro einrollte. Er hielt und spuckte eine junge Frau aus, deren Cellulitis unter den ausgefransten Hot Pants Amira an den Mond und seine Mare erinnerte.

Kaum war sie zuhause, zog sie alles aus bis auf Top und Unterhose und setzte sich mit einem großen Glas eiskaltes Wasser in den Schein ihres Laptops. Im Radio sang Goerne den Leiermann aus Schuberts Winterreise, während sie mit der Maus die interaktive Darstellung drehte und zum Mare Orientale kam, dem jüngsten aller Mare und dem letzten in ihrem Projekt, für das der Lehrstuhl der Astrophysik tief in die Tasche greifen wollte. Doch bevor Amira den entscheidenden Schritt hin zu ihrem Doktortitel und weg von den Messejobs machte, betrachtete sie die Ebene, den wunderschönen schwarzen Fleck, in den sie sich verliebt hatte, und stellte sich vor - barfuß auf dem Eise - wie sich Mondstaub zwischen ihren glühenden Zehen wundersam kühl und zart nach oben drückt und alles bis zu den Knöcheln umschließt.

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Nach "barfuß auf dem Eise" aus dem "Leiermann" in Schuberts "Winterreise". Wer jetzt behauptet, auf dem Mond gäbe es kein Eis, dem würde Amira entgegen, dass sich beispielsweise der helle Rand des Shackleton-Kraters am Südpol des Mondes, der seit drei Milliadren Jahren in der Finternis liegt, mit einer Eisschicht erklären ließe. Doch diese Eisschicht ist höchstens ein Tausendstel Millimeter dünn und besteht maximal zu einem Fünftel aus Wasser.

Sunday, 5 July 2015

ANA LOPEZ

Dass ihrem Sohn das Hemd gefiel, erfüllte sie mit Stolz. Das war ihr mindestens genauso viel wert wie das herabgesetzte Prada-Kostüm aus der kleinen Boutique in Juarez, deren Existenz sie ihren besten Freundinnen verschwieg. Na ja, vielleicht nicht ganz so viel. Aber Ana genoss das Funkeln in Jorges Auges, das er mit aller Gewalt zu unterdrücken versuchte. Mehr konnte sie von einem 18-Jährigen in Begleitung seiner Mutter vor einer jungen, heißen Verkäuferin als Zustimmung nicht erwarten.

Als sie wieder auf die Straße kamen, sah Ana, wie sich zwei Polizisten näherten. Sie legte einen Zahn zu. Ihr SUV stand am Bürgersteig direkt vor dem Laden, aber er war doch zu weit weg. Jorge hatte bereits Blickkontakt mit den beiden Polizisten aufgenommen, und die nutzen ihre Chance. 

„Sie haben ihn gleich mitgenommen!“ Raúl winkte die Sekretärin nach draußen, während seine Frau mit der flachen Hand hysterisch auf seinen Tisch einschlug. „Sie werden ihn verheizen, Raúl, tu doch was. Tu was!“ Raúl tat auch was. Er stand auf und schenkte seiner Frau einen Tequila ein. Das Gleiche werde er nach der Cena mit seinem Sohn tun, um mit ihm wie mit einem Mann zu reden. Raúl summte leise. Ihm ging eine Zeile durch den Kopf: „Piensa, oh patria querida, que el cielo un soldado en cada hijo te dio“.

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Im April 2015 sind bei einem Anschlag im mexikanischen Bundesstaat Jalisco 15 Polizisten gestorben. Im Mai ist nahe Michoacán eine Patrouille der Bundespolizei angegriffen worden. Nach stundenlangen Gefechten waren 37 Angreifer und zwei Polizisten tot. Insgesamt forderte der mexikanische Banden- und Drogenkrieg seit 2006 weit mehr als 80 000 Opfer. Die Polizei rekrutiert junge Männer, wo sie sie finden kann.

"Piensa, oh patria querida..." (sp., aus der mexikanischen Nationalhymne) - "Denke daran, geliebtes Vaterland, dass der Himmel dir mit jedem Sohn einen Soldaten gegeben hat."

cena (sp.) - Abendessen

Thursday, 2 July 2015

BURT FILLIGAN

Mary Lancaster wartete, bis die Sonne das Weite gesucht hatte. Dann schlüpfte sie aus dem Fenster und schlich sich in den Wald, wo sie mit Pete verabredet war, Marys Freund. Als man sie fand, tanzten die Glühwürmchen über ihrem zarten Busen. Es war der Sommer, in dem der Weizen Feuer fing und die Frau des Bürgermeisters den Verstand verlor.

Im Oktober hatte man endlich einen Sündenbock gefunden. Der Mann hieß Burt Filligan, ein Herumtreiber von 33 Jahren, der einen Führerschein besaß und genau 45 Dollar und 32 Pence, die man ihm aus der Hosentasche zog und demonstrativ in den Opferstock steckte. Man zwang ihn, dabei zuzusehen, so als müsste er sich bei diesem Anblick wie der Teufel unter heiligen Krämpfen winden.

Mister Filligan hatte immer beteuert, nicht zu wissen, wer Mary war. Aber was soll man machen, wenn dem halben Gericht die Pantoffeln zu groß sind. Zwei Jahre zuvor hatte Burt am Fluss einen Nachfahren von Sklaven getroffen, auch ein Herumtreiber, und mit ihm intensive Gespräch geführt, während vor ihnen das Wasser plätscherte und die Zikaden sangen. Es ging um wichtige Dinge, um Dinge, von denen die Leute keine Ahnung hatten, die zum Schluss über sein Schicksal bestimmten. Es war Inspiration für ein ganzes Jahr, für ein ganzes Leben. Was aus dem Schwarzen wurde, ist nicht bekannt.

Sunday, 21 June 2015

JAMES BATTY

Pam zog an der Decke und weckte ihren Mann: „Los, steh auf, Du kommst noch zu spät ins Büro.“ Sie öffnete den Schrank und nahm seinen beigefarbenen Anzug heraus. Den hängte sie über den Stuhl, und zehn Minuten später steckte ihr Mann schon in ihm drin. Mit der Aktentasche unter dem linken Arm nahm James rasch zwei Schlucke von seinem Kaffee. Dann gab er Pam einen kleinen Kuss, während sie ihm seine Krawatte gerade zog, gab Jenny einen kleinen Kuss und eilte davon. 

Der alte Galaxie schnurrte wie ein Luchs, als James Batty die Chester Lane hinunter fuhr. Nach anderthalb Meilen auf der 4th setzte er den Blinker und bog in die Madison ab. Hier fuhr er ein wenig langsamer und beobachtete im Rückspiegel, ob ihm nicht doch jemand folgte. Dann bog er in die Einfahrt der 22 ein und parkte in der Garage, die für ihn schon offen stand. 

Sorgsam zog James von innen das Garagentor zu. Er löste seine Krawatte und trat in die Küche. Da sprang gleich die kleine Sally auf und umarmte ihren Dad. „Hast Du gehört: Die Reds haben zum ersten Mal nach 1950 die World Series gewonnen!“. „1940, Sally“, korrigierte Lou sie und stellte James frisch gebratenen Speck auf den Tisch. Dabei sah sie nicht besonders fröhlich aus. „Mit Deinen Nachtschichten ist jetzt ein für allemal Schluss. Rede mit Deinem Boss, oder ich werde es tun!“


Thursday, 18 June 2015

FLORENCE CLAY

Florence Clay hatte soeben eine einschläfernde Schulstunde beendet, als Casper an ihre Seite kam und sie fragte, ob sie einen Augenblick Zeit für ihn hätte. Es sei wichtig. Misses Clay wollte wissen, worum es ging, und rechnete mit einer Antwort, die irgendwo zwischen Versetzung und Wiederholungstest lag. Aber Casper ließ sie warten, bis der letzte der anderen Schüler das Klassenzimmer verlassen hatte. Dann zückte er sein Handy und zeigte ihr ein Video, auf dem sie mit Ellen und Knien auf einer Matratze hockte, nackt, und ein Panorama freigab, für das manch anderer 18-Jähriger noch heimlich googlen musste. Misses Clay kannte das Video zwar nicht, wusste aber, worin seine besondere Explosionskraft lag.

Caspers Forderungen waren klarer formuliert als seine letzte Englischklausur: Zunächst einmal wollte er seine Noten in einer Weise nach oben korrigiert haben, die die Sprache einer kleinen Serie von Nachhilfestunden spricht. Das sei aber nur „Staffage“ (Casper!). Denn was er wirklich wollte, war das, wozu Mister Clay nach 16 Ehejahren kaum noch einen hoch bekam. Oder treffender ausgedrückt: weshalb Mister Clay sich auch noch zum langweiligsten Spätfilm ins Wohnzimmer flüchtete.

Da war jetzt so viel, worüber Misses Clay in kürzester Zeit nachzudenken hatte, während ihr dieser juristisch erwachsene Halb-Legastheniker, zwei Jahre älter als ihre älteste Tochter, sich zum Beweis seiner neuen Macht anschickte, mit beiden Händen ihren Hosenknopf durch das Loch zu drücken, um anschließend mit den Fingerkuppen hinter die Spitze ihres schwarzen Höschens zu fahren. Jetzt war da auf einmal so viel, was sie in alle erdenkbaren Richtungen zog.

Tuesday, 16 June 2015

LAINE LILLESTE

Laine fiel es nicht leicht einzuschlafen. Erst nachdem sie neben sich das Radio leise laufen ließ, gelang es ihr, hinweg zu gleiten. Aber tief schlief sie nicht. Als sie wieder erwachte, hatte sich die Nacht vollends das Land gegriffen und fast alles Licht verschluckt. Nur die Laterne leuchtete von draußen in ihr kleines Haus hinein und warf einen schwachen Schein um den Schopf des schaurig stillen Kindes, das nun wieder vor ihrem Bett auf dem Boden saß und samt und sonders im Schatten lag.

Laine konnte von ihrem Kissen aus durch das Fenster sehen, wie die dürren Birkenzweige schon vor dem Winter zitterten. Sie versuchte, sich auf die wehrlosen Blätter zu konzentrieren und folgte jedem, das der Wind herunterriss. Aber keines hielt es lange aus der Dunkelheit heraus.

Wenn die Blätter aus ihrer Sicht verschwunden waren, zwang sich Laine immer wieder, mit den Augen erneut an die Birken zu klammern. Aber sie ermüdete darin, und so wanderte ihr Blick unweigerlich zu dem Schopf des Mädchens zurück, das stets mit dem Rücken zu ihr erschien. Laine hätte mit der Hand nach seinen Strähnen fassen können, aber es gab keine Nacht mehr ohne Angst, und sie wollte das fremde Kind nicht fühlen.

Saturday, 13 June 2015

JEAN-PIERRE ADRIANJANAHARY


Jean-Pierre saß schon eine geschlagene halbe Stunde in seinem Wohnzimmer rum und wurde langsam ungeduldig, als endlich sein Telefon klingelte. „Number 7 Dark Over Light by Mark Rothko“, sagte die Dame auf der anderen Seite der Verbindung in einer Deutlichkeit, als säße sie auf seinem Schoß. „Yes“, antwortete Jean-Pierre. Er hatte noch hastig den Hörer in die linke Hand gewechselt. Mit der rechten musste er ja mitschreiben.

Dann ließ er die anderen erst mal machen. Seine Konkurrenten hielten sich noch in Bereichen auf, von denen er wusste, dass Sothebys den Rothko für das bisschen Geld lieber verbrennen würde, als ihn nach Madagaskar zu verschiffen. Er hielt es auch nicht für nötig, mit einem Testgebot seine Ansprechpartnerin zu fordern. Er konnte sie leise atmen hören, und das verlieh ihm eine gewisse Sorglosigkeit, die ihn sich auf die Zahlen konzentrieren ließ.

Bei 19 Millionen meldete er sich zum ersten Mal. Sofort gab sie die Erhöhung weiter. Bei 19,8 das gleiche. 20,1, 20,8, langsam wurde die Luft in London dünn. Die Gebote kamen langsamer, eine Stimme nach der anderen verstummte. Bei 21.010.000 Dollar eines arrogant klingenden Herrn brach das Gebiete abrupt ab. Jean-Pierre lauschte angestrengt, aber es war nichts mehr zu hören außer dem ruhigen Atmen der Dame. „Is it sold?“ – „No.“ Er zögerte. Dann plötzlich hörte er sie flüstern: „Say 21.0410.000, this wienie hasn’t more.“ Sofort wiederholte er die Zahl, und sie gab sie weiter. Dann legte sie einfach auf.

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wienie (engl.) = Schwänzchen, Pimmelchen
No.7 Dark over light by Mark Rothko ist 2007 bei Sothebys versteigert worden.

Wednesday, 10 June 2015

BOBBY CLARKE

Es war eine Primalandung, die Commander Bobby Clarke mit seiner "Commodore" auf Idaho gelungen ist. Das kleine Raumschiff setzte wie auf einem Muffin auf, Bobby konnte das gleich als erstes in seine persönlichen Beobachtungen eintragen. Ansonsten dürfte Idaho ein sehr harter Planet sein. Das verrieten die Sensoren nach einem kecken Jingle: Granit mit einer Mütze aus Moos, wie es auf der Erde keines gibt. Anscheinend war die Pflanzenschicht an dieser Stelle aber dann doch ein Stückchen dicker, der Computer stapelte gerne tief.

Im Falle der Untergrund-Beschaffenheit konnte Bobby das noch egal sein. Bedenken hatte er wegen der Zusammensetzung der Luft. Das, was er auf dem Bildschirm aufgelistet bekam, stimmte mit den Prozentzahlen auf der Erde genau überein. Ein Systemabsturz? Bobby schaute aus seinem Bullauge, so als könnte er den Sauerstoff mit bloßem Auge sehen.

Doch was er draußen tatsächlich sah, ließ ihn im Handumdrehen sämtliche Daten vergessen, und es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass Bobby die "Commodore" wegen der schmeichelnden Moosschicht barfuß verlassen hatte. Seine Spezialstiefel blieben zurück wie ein Autogramm von Mary Tyler Moore aus dem vorigen Jahrhundert, das Bobby immer überall hin, wirklich überall hin mitgenommen hatte. Das einzige, was Commander Jones 50 Jahre später der akribisch geführten Bestandsliste nach nicht mehr finden konnte, war eine von Bobbys Unterhosen – bevor er dann selbst fast nackt verschwand.

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Sunday, 7 June 2015

DANNY FLETCHER

Man kann nicht sagen, dass sich an diesem Abend jemand ernsthaft für Danny Fletcher interessiert hätte. Vielleicht noch Floyd („Ich trinke Martini nur, wenn Ginger drin gebadet hat“), aber der winkte inzwischen öfters dem Tablett-Typen zu, als „mh“ zu Dannys lumpigen Kommentaren zu machen.

Dass Ava mit ihnen in der Gruppe saß, hatte ganz sicher nichts zu bedeuten. Oder es war Floyd zuzuschreiben. Danny jedenfalls schenkte sie an diesem Abend nur einen ausgiebigen Blick auf ihren, unter den Pfeifen berühmten Rücken und den Teil ihres Klassehinterns, der nicht mehr in das Sitzpolster passte. Die Diamanten an ihrem Kleid wetteiferten mit der Klinge des Kochs im hinteren Teil des Salons dabei, Danny mit einem scharfen Widerschein endlich für immer zu blenden, was andere vielleicht als ein „tolles Glitzern“ beschrieben hätten. Nicht wahr, Floyd? Dem wären dafür aber sicher nicht Avas so herrliche Wimpern aufgefallen.

„Halt ihn gut fest, den Spatz in der Hand!“, tönte es plötzlich an Dannys linkem Ohr, begleitet von einer Idee Bourbon mit Orange. Es war ein Gentleman, den Danny nur als Frank kannte, ein Freund von William F. Lamb, alter Schwede, der Kerl, der das Empire State Building plant. Danny konnte wirklich keine Kontakte knüpfen, auch dann nicht, wenn man sie ihm vor die Füße warf. „Ja, halt ihn gut fest.“ Und dann packte Frank auch noch auf Dannys Bein, aber nur, um beim Hinsetzen das Gleichgewicht zu halten. Danny sah nicht ein zu fragen, was das sollte, das mit dem Spatz, und das war es dann auch schon mit der Konversation, dem Büro im ESB und mit allem drum und dran.

Thursday, 4 June 2015

KAREEM ABDUL POWELL

So viele Leute hat Powell ja noch nie auf einem Haufen gesehen. Also wenn jemand noch Zweifel gehabt haben sollte, kann er die sich jetzt getrost in den Arsch schieben. Black Moslems! Powells Augen leuchten heller als die Haut von der weißen Fotografenschlampe vor ihm.

Selbst George Lincoln Rockwell ist gekommen, Powell kann’s nicht fassen, so viel größer und hübscher als Hitler. Sitzt da wie ein verzinkter Nagel in seinem Stuhl und hat die Arme verschränkt, als hätte er von seiner Mama gehört, alle Nigger wären schwul und fingen mit dem Touchen gleich an den Nippeln an. Na gute Nacht, der ganze Laden ist voll von Schwarzen. 

Aber statt der Brüder rückt Rockwell nur die Schlampe auf die Pelle. Powell kann sie nicht leiden, hat sie vorher schon mal bei Malcolm gesehen. Dessen Mikro dröhnt heute so laut, dass Powell fast nichts anderes hören kann. Aber das hier schon  er sitzt direkt hinter der Frau, zu der sich der Nazi gerade runter beugt: „Aus dir werde ich Seife machen!“ Und sie: „So lange es kein Lampenschirm ist.“ Aber ihr hört Powell nicht mehr zu. Er ist zu sehr damit beschäftigt, mit seiner Kippe von hinten ein Loch in ihren Pulli zu brennen.

In Erinnerung an Eve Arnold (Magnum).

Wednesday, 27 May 2015

VICTORIA "VICKI" HOLMES

In Vickis Augen lag eine Ahnung von „ich habe ganz sicher nicht um seinen Besuch gebettelt“, jedes Mal, wenn sie irgendeinem Bekannten über den Weg gelaufen war, und das passierte ständig an diesem schwülen Tag, an dem sie den Fremdenführer spielen musste. Das war doch sonst nie so. Wann war Vicki Holmes vorher denn jemals vor St. Pauls einem ihrer Freunde begegnet?

Schon schlimm genug, dass er immer weiter machte mit seiner guten Laune und dem wachtelmäßigen Sightseeing. Sie musste ihm den Piccadilly Circus zeigen, über die Tower Bridge rüber, mir nichts dir nichts essen gehen, zurück nach Soho – und sie hatte es sich schon gedacht – wo er sich schämte. All dieser Mist. In Camden Town glotzte ihr irgendso ein Typ auf den Arsch und stand in Chelsea schon wieder hinter ihr, als ihr Freund, oder wie soll sie ihn eigentlich nennen, gerade dabei war, sich ein Softeis in die Waffel drücken zu lassen.

Während er von der einen Seite leckte, machte sich auf der anderen schon der erste Tropfen auf den Weg, um vielleicht doch noch rechtzeitig die Kurve zu kratzen, nichts wie weg von hier, von seiner Zunge, die sonst auch nicht so viel konnte, oder von allem hier, vom Brompton Friedhof, wo Vicki die ganze Zeit auf der Bank schon gar nichts mehr gesagt hatte. Und als "ihr Freund" oder wie auch immer beim Auf- und Abhocken aus Versehen mit seinem Bein das ihre berührte, hätte sie lieber hinten in den Dornen gesessen.

Wednesday, 20 May 2015

N.N.

Lange Zeit hatte ich zu wissen geglaubt, wer meine erste Freundin war. Ich lag aber falsch. Meine erste Freundin wohnte im selben Wohnblock wie ich in Saarlouis in der Metzer Straße, nur in einem anderen Flügel. Wir konnten uns sehen, wenn wir an unseren Fenstern zum Innenhof standen.

Mit ihr verbinde ich meine vielleicht sogar früheste Erinnerung. Es muss 1979 gewesen sein. Wir spielten in einem der Räume, die sie zusammen mit ihrer Mama bewohnte, „eine bildhübsche Frau“, sagte meine Mutter heute im Auto, während sie mich zum Zahnarzt fuhr. Und das kleine Mädchen habe schulterlange dunkle Haare gehabt, genau wie in meiner Erinnerung. Und ich weiß noch: Ich mochte sie sehr.

Wie kann es sein, dass nach all den Jahren mir plötzlich diese Erinnerung hochkommt? Ich weiß es nicht, genauso wenig wie heute ihren Namen. „Irgendetwas mit F“, sagte meine Mutter, als sie in die Torstraße einbog, „so wie Fatima oder Felicitas“. Ihre Mama war damals, in jungen Jahren schon, an Multiple Sklerose erkrankt.

Monday, 18 May 2015

HINANO MATSUMOTO

Das Telefon klingelte, und Hinano Matsumoto sah schon an der Nummer im Display, dass es ihr Makler war. Wenn sie und ihr Mann sich in der Zwischenzeit nichts anderes vorgenommen haben, könnten sie sich doch noch zur Besichtigung treffen. Ein anderer Termin sei geplatzt, sagte der Makler, ein Termin, der vorher so wichtig gewesen war, dass er hatte den ihren „leider“ absagen müssen.

Hinano und ihr Mann hatten tatsächlich noch nichts vor und schlüpften schnell in ihre Schuhe, um zu dem alten Haus zu fahren. Es hatte zwar wenig Besonderes, aber es lag zu gut, als dass es Hinano den Stolz wert gewesen wäre, im Gegenzug nun den Makler zu versetzen, egal was er mit ihnen trieb.

Das bedeute aber nicht, dass sie guter Laune waren, als sie beide in Kyoto ankamen. Das Auto des Maklers stand schon vor der Tür, die nur angelehnt zum Eintreten einlud. Als Hinano gleich einer Katze abschätzend hindurch schlüpfte und durch den Flur zu einem zufällig ausgewählten Zimmer schlich, stand der Makler hinter dessen Tür und versuchte, noch rechtzeitig eine letzte Spur zu verwischen.

Sunday, 10 May 2015

MAHA FANI

Im Zimmer fand ihn Maha Fani nicht, in der Küche war er nicht, im Schlafzimmer nicht und auch nicht im Flur. Sie war gerade aus den Dornen gekommen. „Mahmoud?“ Maha lauschte, aber sie hörte nur die Hühner gackern und eine Ziege, die beim Nachbarn war. „Mahmoud?“

Maha hob den Saum ihres Umhangs von den Fliesen und huschte in den Hof, so dass die Hühner auseinander preschten und um sie herum in die Ecken flohen. Ihren Mann fand sie auch hier nicht. Aber dann hörte sie im Haus sein Husten. Sie kehrte um und folgte den Schalen der Kerne, die Mahmoud jetzt auf dem Teppich genoss.

Als er Maha mit der Waffe durch die Tür kommen sah, hörte er mit dem Kauen auf, und sie konnte den Brei zwischen seinen Lippen sehen. Er klang eilig, als er endlich das Wort ergriff: „Du hältst sie falsch, Frau!“. Da fing Maha an zu lachen, so laut, wie noch nie vor ihrem Mann.

Saturday, 9 May 2015

LUIS MOSQUERO

Am selben Abend, nachdem Luis Mosquero in den Rio Caquetá gesprungen war, um das Boot zum anderen Ufer zu drücken, wurde er zum ersten Mal des Schmerzes gewahr, der seinen rechten Fuß durchzog. Seine Frau bemerkte, wie sich sein Gesicht verkrampfte. Aber sie sagte nichts, sondern senkte ihre Augen und aß weiter von ihrem Reis mit Huhn.

Zwar flaute der Schmerz kurze Zeit später wieder ab, doch in der Nacht kam er mit aller Macht zurück. Es fühlte sich an, als würde das Fleisch verbrennen und unter der Sohle fremdes Leben entstehen. Doch Luis glaubte noch immer daran, dass der Schmerz sich schon wieder geben werde, und wartete mit seinem Besuch beim Arzt, bis die Qual ihn weinen ließ.

Als man ihn zur Praxis brachte, konnte Luis kaum noch gehen. Die Assistentin hakte sich bei ihm ein, um ihn bis zum Stuhl zu stützen, da kam der Arzt schon herein und mit ihm ein seltsames Gefühl, das sich Luis bemannte. Der Arzt trug blondes Haar und bemühte sich, ein Grinsen aus seinem Gesicht zu löschen. Und Luis sah, wie die Assistentin den kranken Fuß in ihre kühlen Hände nahm, und hoffte, ihren Blick zu finden.

Saturday, 25 April 2015

DANA JENNINGS

Ihre Hand glitt wie auf Eis über den Rock. Keine Makel an der Haut, nicht bei Dana Jennings, die sie pflegte, egal wie es um sie selbst stand. Fremd, zerrissen, müde, verkappt - draußen kam Wind auf.

Eine große, lange Falte hatte der Rock quer über den feinen Stoff auf dem linken Bein geschlagen. Mit der Hand strich sie Dana wieder glatt. Sie führte den kleinen Finger zum Mund und knabberte an seinem Nagel herum. Sie legte die Hand wieder in die andere und atmete gewaltig aus. Dabei rutschte sie auf der Stuhlkante nach vorne, zog das Bein vom anderen und stellte es parallel. Jetzt schimmerte der Rock, der sich über ihren Schoß spannte.

Jetzt schimmerten die Nägel an ihren Händen, die in ihm lagen. Jetzt schimmerte das Leder ihrer Schuhe, die sie trotz der hohen Absätze gerade auf dem Boden hielt, so dass sich ihre Füße verkrampften. Jetzt schimmerte der Lack des Telefons, in dem sich Danas Gesicht so unfassbar und fahl wie das eines Geistes spiegelte.

Monday, 6 April 2015

ALESSANDRO ZINGARELLI

Alessandro Zingarelli, Professor für Angewandte Wichtigtuerei an der Freien Universität zu Bozen, hatte es geschafft. Er war reich, er hatte ein riesiges Haus und das Auto mit dem lautesten Motorengeräusch in der ganzen Stadt. Zumindest da, wo vor allem die Italiener wohnten. Auf der Seite der Südtiroler fuhr ein gewisser Wolfgang Girtnbichler mit einem noch viel lauteren Motor durch die Gegend. Aber Alessandro Zingarelli wusste, das Richtige zu tun, um als der Beste dazustehen. Man kann sich also denken, dass er als Koryphäe auf seinem Gebiet galt, und das nicht nur in Italien.

Da Italien natürlich zudem noch weltweit als führend in der Angewandte Wichtigtuerei galt, kamen sehr angesagte Leute nach Bozen und zur Zweigstelle in Brixen. Nicolas Sarkozy zum Beispiel, dessen überschwängliche Begrüßung durch Alessandro Zingarelli in der Dolomiten Zeitung am darauffolgenden Tag genau andersherum ausfiel. Das Foto sprach Bände und hätte Sarkozy in Paris einige Wählerstimmen gekostet. Aber eben nur hätte, seine Teilnahme am Wochenendblockseminar bei Alessandro Zingarelli in Brixen war nicht umsonst. Also, nicht dass Sarkozy es nötig gehabt hätte . . .

Genauso wenig wie Marine Le Pen. Man schaue sich die Erfolge des Front National bei den jüngsten Departementswahlen an. Oh, werden Sie sagen, die Rechtsradikale. Aber Zingarelli wusste natürlich, die Teilnahme einer fragwürdigen Politikerin in wunderbare Werbung für sein Institut umzumünzen. Und so kamen noch andere nach Brixen. Die Liste ist sehr lang. Und wenn man Alessandro Zingarelli fragt, ist sie noch viel länger. Natürlich.

Tuesday, 24 March 2015

HEDWIG JONKER

Nachdem Hedwig Jonker schon mehrere Stunden nach der Liste gesucht hatte, kramte sie das Telefonbuch aus der Ablage unter dem Tisch in der Diele heraus und wählt die Nummer der Beetels Umzugsfirma aus Utrecht. Was sie denn mit dem Schrank gemacht hätten, wollte sie wissen, Norberts Liste sei verschwunden.

„Liebe Frau Jonker“, antwortete Martha Schmid auf der anderen Seite der Verbindung, „hier gibt es keine Umzugsfirma, die gibt es hier schon lange nicht mehr. Ich sag’s Ihnen nochmal: Ich weiß nichts von einem Schrank oder ich weiß nichts von Norberts dummer Liste. Ich kenne sie überhaupt nicht. Schreiben sie sich das auf Ihre Liste, wenn Sie sie finden: Hier ist nicht Beetels!“ Dann legte sie auf, ohne Auf Wiederhören zu sagen.

Leicht verwirrt klappte Hedwig das Telefonbuch wieder zu und verstaute es in der Ablage unter der Tischplatte. Seit Monaten sammelt sich auf ihr schon der Staub um das alte Telefon herum. „Norbert“, rief sie zur Küchentür hin, „die haben die Liste nicht.“ Hedwig hielt sich noch ein wenig am Tisch fest, bevor sie losging. „Ich sehe mal im Schrank nach, da muss sie doch irgendwo sein.“

Wednesday, 11 February 2015

ABU AL RAN BEN AMIR

Abu Al Ran Ben Amir konfisziert jeden Tag einen Haufen Geld und denkt sich immer wieder neue Steuern aus. Seine Idee war es, in Sumar den Pinsel in die Hand zu nehmen und Zeichen an kurdische Häuser zu malen, um mit der ethnischen Säuberung schneller voran zu kommen. Er kontrolliert mit dem IS im Irak und in Syrien 24 Banken, sie haben das Bargeld davon getragen und sich das ganze Gold gesichert. Sie haben sich in Windeseile Ölfelder angeeignet und lassen sich von europäischen Händlern den Speichel von dem Lippen lecken. Sie besitzen Ressourcen im Wert von mehreren tausend Milliarden Dollar.

Es war Abu Al Ran Ben Amirs Idee, den Staudamm von Mossul zu nehmen und somit die Kontrolle über die Nivine-Ebene, die Kornkammer des Iraks, zu gewinnen. Seine Idee war es, perfide Rechenschaftsberichte zu verfassen, in dem der IS die Zahl der getöteten Ungläubigen auflistet und mit weiteren Daten kombiniert. Er hat genau Buch darüber geführt, mit wie vielen jesidischen Frauen er gefickt hat, um Babys zu zeugen und mit ihnen die Zahl der Gläubigen zu erhöhen – sein ganz persönlicher Dschihad. Er und Abu Abdul Kadr, Abu Kassem und Abu Hajar Al-Assafi sind für ihre Untertanen die Armee Gottes, weil sie islamisches Gesetz anwenden. Und jetzt staunt sogar der Kalif über seinen Einfall, eine eigene Währung zu schaffen und sie an den Goldkurs zu koppeln. 

All das. Und dann ist Abu Al Ran Ben Amir zu blöd dafür, seinen Schwanz in Abu Nabils Hand zu legen und sich einen zu wichsen, ohne ihn dabei aufzuwecken. Irgendetwas muss er anders gemacht haben als in den Nächten zuvor. Jetzt sitzt er unausgeschlafen im Ledersessel in seinem zerschossenen Büro von Raqqa, die Eier noch voll mit seinem islamistischen Sperma, und hält sich nachdenklich die Fingerknöchel an den Mund. Abu Nabil fehlt schon der Kopf, und eigentlich ist Ran Ben Amir zu mächtig, als dass ihm etwas passieren könnte. Unten auf der Straße plärren sich ein paar Leute an, eine Frau schreit auf, und zwei Mopeds knattern davon.

Sunday, 1 February 2015

MILOŠ JANI

Miloš Jani saß weit oben auf dem Hügel, als er den Mann den Weg lang kommen sah. Und er blieb dort noch lange Zeit sitzen, was er sich nie verzeihen würde, obwohl bestimmt auch kein anderer dann schon aufgestanden und los gerannt wäre. Das tat Miloš erst, als der Fremde auf eines der Schafe zustürmte und dabei sein Messer zog.

Miloš rannte so schnell, dass das Gras wie Peitschen schnalzte, als es ihm gegen die Hosen schlug. Und obwohl er noch so weit weg war, sah er, wie das Blut aus dem Hals des ersten Tieres schoss und sich über dessen weißes Fell ergoss. Da hatte der Bärtige schon ein zweites an sich gerissen und mit der Klinge durch dessen Hals geschnitten.

Miloš brüllte nicht. Als nur noch wenige Meter fehlten, ließ der Mann von den Schafen ab, richtete sich auf und erwartete ihn, Blut am Messer, am Hals und im Gesicht. Da schaute Miloš schon in eine Welt, in der alles in einem einzigen war. Und um ihn herum begann die Sonne wie heißes Gold zu glühen.

Tuesday, 27 January 2015

CÉCILE LAGARDE

Cécile Lagarde hatte viel Hoffnung in ihr neues Haus gesteckt. Man kann es nennen, wie man will, eine Flucht, ein neues Leben ... Cécile beginnt es am Rande eines Dorfes im Nichts, in dem sie niemanden kennt, in dem sie die Blicke nicht deuten kann, die sich von Tag zu Tag mehren.

Der Winter hält die Leute in ihren Häusern fest, die Kälte zerrt dichten Rauch aus den Schornsteinen in die Höhe. Cécile sieht aus dem Fenster, links die Nacht, rechts das Dorf. Mit ihren Rollläden rauben die anderen sich die Sicht auf das Licht im Wald, das ihr in die Augen sticht und sie an der kalten Scheibe hält wie eine Somnambule.

Gestern hatte sie noch ihr Nachthemd an, zog mal den einen Fuß, dann den anderen von den blanken Dielen. Heute steckt sie in ihrer Jeans, die Füße fest in schönen Stiefeln. Selbst mit deren Absätzen wird sie nicht im Weg versinken. So eisig ist's im Boden. Hat sie denn wirklich geglaubt, es sei vorbei? Hat sie wirklich geglaubt, sie könne sich selbst entfliehen?